Nichts Halbes und nichts Ganzes – oder eher ein System in Kinderschuhen?

Corona - jeder noch so kleine Aspekt unseres Lebens wurde durch das Auftreten einer winzigen infektiösen organischen Struktur vollkommen aus den gewohnten Bahnen gerissen. Auch das alte Schulsystem, so wie wir es kennen, musste sich zwangsweise einem substanziellen Wandel unterziehen. Homeschooling, Distanzunterricht, virtuelle Klassenzimmer – Begriffe, welche wohl vor rund zwei Jahren noch als Zukunftsutopie oder Spinnerei tituliert worden wären.

Dass die neue Situation sowohl für die Schüler und als auch die Lehrer voller Herausforderungen steckt und dass nicht immer alles reibungslos funktioniert, liegt in der Natur der Dinge. Es zwickt, um es auf gut bayerisch zusammenzufassen. Umrahmt wird dieser grundlegende Umbruch von einer harschen medialen und politischen Diskussion.

Jüngst stand das Gymnasium Dingolfing im Mittelpunkt der Kritik. Die Umsetzung des Homeschoolings sei nichts Halbes und nichts Ganzes, die Schüler fühlten sich im Stich gelassen. Virtuelle Unterrichtsstunden hätten Vortragscharakter und das Engagement des Lehrerkollegiums unterscheide sich auch Zusehens. Notwendige Kurse würden nicht angeboten werden. Alle Ehemaligen können sich vermutlich kaum ausmalen, wie prekär die aktuelle Situation des Schulsystems für die Schüler, die Lehrer und auch die Schulleitungen im Freistaat sein muss. Jedoch kann ein anderer Blickwinkel oft nicht schaden.

Keiner kann dies besser beschreiben als die Schüler, die dies tagtäglich erleben. Das Lehrerkollegium und die Schulleitung des Gymnasiums für die Missstände verantwortlich zu machen ist einfach und scheint naheliegend zu sein. Doch sollte man das Problem nicht globaler betrachten? Sind nicht vielleicht die Lehrer und die Schulleitung das letzte Glied einer langen Problemkette und müssen nun ausbaden, was an anderer Stelle versäumt wurde? Fehlt es nicht generell an pädagogischen Konzepten für das virtuelle Unterrichten? Ist die Infrastruktur ausreichend gegeben?

Verantwortlich für die konzeptionelle Umsetzung des Homeschoolings und eine grundlegende pädagogische Gestaltung von virtuellem Unterricht ist der Kultusminister und das bayerische Kultusministerium um Michael Piazolo. Im Sommer wurde es verschlafen, pädagogische Konzepte zu entwickeln, den Lehrplan anzupassen und eine adäquate Infrastruktur zu schaffen. Der zweite Lockdown im Winter 2020/21 kündigte sich im Herbst mit Pauken und Trompeten an. Nur scheinbar kamen die Vorboten der zweiten und dritten Infektionswelle nicht bis ins Kultusministerium.

Dann kam der zweite Lockdown und die Schulen, Schülerinnen, Schüler und Eltern mussten ausbaden, was versäumt wurde. Um einen Gymnasiallehrer aus Landshut zu zitieren: „Die haben uns mit der Situation komplett allein gelassen. Von oben kommt keine Unterstützung.“ Oder kurz auf den Punkt gebracht: „Der Fisch stinkt vom Kopf her.“

Und auch im Gymnasium Dingolfing arbeitet man hart daran, nachzuschärfen und den gewohnt hochwertigen Unterricht bieten zu können. Jedoch ist klar, dass der Abschlussjahrgang keine Entwicklungszeit hat. Das Abitur steht vor der Tür. Auch hier müssen von Seiten des Kultusministeriums innovative Lösungen angeboten werden, um den angehenden Absolventen ein „halbwegs normales“ Abitur zu ermöglichen.

Michael Limmer, Stadtrat & Jugendbeauftragter & Sebastian Herbe, ehem. Schüler Gymnasium DGF

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